Schmerzen im Arm
Teil 1
Schmerzen im Arm werden manchmal (meist fälschlicherweise) auch als „Armneuralg ie" bezeichnet. Mögliche Ursachen sind:
1. Bei der sog.
Brachialg ia paraesthet ica
nocturna
bestehen schmerzhafte Mißempfindungen, besonders während der Nachtruhe,
wahrscheinlich hervorgerufen durch vegetativ-vasomotorische
(= Gefäße und Mus keln
betreffende) Dysregulation, meist als
Folge einer Fehllagerung („Park banksyndrom").
Je nach Ausmaß oder Häufigkeit der
Irritation oder Störung können sich durchaus längerfristige, chronische Schmerzen im
Arm
einstellen. Therapiemöglichkeiten siehe unten.
2. Die Neurit is des Pl exus
brach ialis (neuralg ische
Schul teramyotrophie)
(= En tzündung des Armnervengeflechts)
soll allergisch entzündlicher Ursache sein (Thoden 1987).
Die Schmerzen im Arm
setzen plötzlich ein und imponieren als akute Zervikobrachialg ie
(= Nac ken-Schul ter-Arm-Schmerzen).
Nach mehreren Tagen treten Lähmungen von Schul ter- und
Arm -Mus keln auf,
Sensibilitätsstörungen (=
Gefühlsstörungen) kommen höchstens in
20-30 % vor. Die Prognose (=
Vorhersage, der Verlauf) ist günstig,
die motorischen Ausfälle (= Lähmungen)
bilden sich von selbst langsam (über Monate) zurück.
Zur Therapie werden
Antiphlogistika (z.B. Phenylbutazon, Salicylate)
(= entzündungshemmende Mittel)
bzw. nichtsteroidale Antirheumatika (z.B. Diclofenac, Indometacin) eingesetzt,
oder interskalenäre Plexusbloc kaden
(=
Betäubungen des Armnervengeflechts im seitlichen Halsbereich)
durchgeführt. Im akuten Stadium ist das Mittel der Wahl Cortison
(z.B. 60 mg Prednisolon/Tag, dann über 2 Wochen rasch absteigend dosieren).
3. Die echte
(idiopa thische) Plexusneuralg ie
(=
schmerzhaftes Arm-Nervengeflecht)
mit attackenförmigem Schmerzcharakter
ist ein sehr seltenes Krankheitsbild. Die Therapie erfolgt primär medikamentös.
Das Mittel der Wahl ist Carbamazepin
(= ein Mittel gegen die Fallsucht, aber auch bei
dieser Art von Schmerzen im Arm wirksam).
Gabapentin (z.B. Neurontin®) oder auch Pregabalin (Lyrica®) wirken oft besser,
sind aber deutlich teurer. Bei
Auftreten unerwünschter Nebenwirkungen in höherer Dosierung kann Carbamazepin
oder auch Gabapentin bzw. Pregabalin mit Baclofen
(= ein im Gehirn / Rückenmark wirkendes Mittel
zur Muskelentspannung) kombiniert
werden.
4. Schul ter-Han d-Synd rom. Nicht selten
gehen (chronische) Schmerzen im Arm von einzelnen Gelen ken in der
Schul ter-Arm-Region aus und
strahlen dann in den gesamten Bereich aus, so daß es schwierig werden kann, den
primären Schmerzherd überhaupt zu finden (Debrunner 1988).
Typischerweise bestehen Ruheschmerzen mit Schmerzverstärkung bei Belastung. Manchmal treten
vegetative Begleitsymptome wie Kälte, Zyanose
(= bläuliche Verfärbung)
oder Schwitzen auf, so daß die Unterscheidung von einer Sudeckschen
Dystroph ie
(= eine spezielle schmerzhafte
Organstörung) schwerfällt, besonders
wenn Gewebsatrophien (= Gewebeschwund)
vorhanden sind.
Therapeutisch ist in der akuten Phase die Gabe von
nichtsteroidalen Antirheumatika (z.B. Naproxen) hilfreich. Vor allem beim
Vorliegen von vegetativen Begleiterscheinungen (z.B. Kälte, bläuliche
Verfärbung, Schweißbildung) hat sich im Rahmen der therapeutischen
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
die wiederholte Plexusbloc kade
(= Betäubungen des Armnervengeflechts)
sehr bewährt. Zur Förderung der Durchblutung ist auch eine oberflächliche
Kältebehandlung mittels Kaltluftgenerator empfehlenswert.
Physiotherapeutische
Methoden (= Krankengymnastik und
Anwendungen) runden das
Behandlungskonzept bei Schmerzen im Arm ab.
5. Engpaßsynd rome:
Das Ska lenussynd rom entsteht
durch Kompression der Nervenstränge aus den Wurzeln C8-Th1 im Bereich der
Skalenuslücke (= Lücke zwischen
zwei Mus keln im seitlichen Halsbereich)
, hauptsächlich durch eine Halsrippe,
aber auch durch Bindegewebsstränge oder höhergradige Muskelverspannungen.
Die
Beschwerden treten deutlich belastungsabhängig auf, insbesondere bei
Zugbelastung (Tragen von Koffern, Taschen usw.). Die dominierenden
Schmerzlokalisationen sind ellenseitiger Untera rm und Han d. Im fortgeschrittenen
Stadium mit Ner venläsionen (=
Ner venstörungen, -schädigungen)
treten Lähmungen der kleinen Handmuskeln auf. Durch zusätzliche Verengung der A.
subclavia (= Schlagader unter dem
Schlüsselbein) in der Skalenuslücke
können Mikroembolien (= kleinste
Blutgerinnsel) entstehen, die feine
Fingergefäße verschließen und eine vaskul äre
Symptomatik
(= Krankheitszeichen bei Blutgefäßschädigung)
hervorrufen (Ostheim 1976).
Zur Therapie empfiehlt sich bei stark
verspannter Skalenusmuskulatur die wiederholte Infiltration mit einem
langwirkenden örtlichen
Betäubungsmittel, die Vermeidung von schmerzauslösenden
oder verstärkenden Belastungen, in hartnäckigen Fällen, insbesondere bei
Auftreten eines neurologischen Defizits
(= gestörte Nervenfunktion), eine
Operation.
Der Pl exus
brach ialis (= das Arm-Nervengeflecht) kann auch zwischen
Schlüsselbein und 1. Rippe komprimiert
(= eingedrückt)
werden. Besonders bei Rückführung der Schul ter
unter Zug, wie beim Tragen eines
Rucksackes, treten ausstrahlende Schmerzen auf.
Die Therapie dieser Schmerzen im Arm besteht in
der Vermeidung von typischen Belastungen. Nur in seltenen Fällen wird man sich
zur operativen Entfernung der 1. Rippe entschließen.
Der Vollständigkeit halber
sei noch das sog. Hyperabduktionssynd rom erwähnt. Die Schmerzen im Arm treten
bei Tätigkeiten auf, die über Scheitelhöhe ausgeübt werden (z.B. Arbeiten an der
Zimmerdecke). Die Ursache ist eine Kompression der Ner ven des
Arm-Pl exus zwischen
Korakoid (= „Rabenschnabelfortsatz" am
oberen Schulterblattrand) und M.
pectoralis minor (= kleiner
Brustmuskel), nahe dem Ansatz.
Therapeutisch können Infiltrationen mit einem örtlichen Betäubungsmittel
unternommen werden.
6. Vertebrageninduzierte (= von der
Halswir belsäule ausgehende) Schmerzen im Arm
kommen am häufigsten
vor. Sie treten im Rahmen eines unteren
Zervikalsyndroms auf (auch als Zervikob rachialg ie,
Schul ter-Arm-Synd rom oder
Nac ken-Schul ter-
Arm -Synd rom bezeichnet).
Da
die Wurzeln C6-8 und Th1 betroffen sind, können Beschwerden bis in den
Kleinfinger ausstrahlen. Richtungsweisende Schmerzen im Nac ken- oder
Schulterbereich müssen nicht zwingend vorhanden sein.
Streng genommen geht die Zervikob rachialg ie (Schul ter-Arm-Synd rom oder
Nac ken-Schul ter-Arm-Synd rom) mit
einer rad ikulären Symptomatik (= Krankheitszeichen infolge eines geschädigten Nervs)
einher (Debrunner 1988).
Die pseudorad ikuläre Ausstrahlung
(= Schmerzausstrahlung infolge eines scheinbar
geschädigten Nervs) in den Arm fällt
noch unter den Begriff "Zervikalsynd rom". Vertebragen induzierte,
chronische Schmerzen im Arm sprechen am besten auf die kontinuierliche, retrograd hohe Blockade des
Pl exus
brach ialis mit Katheter an (siehe unten).
7. Relativ häufig treten starke
Schmerzen im Arm nach
radikaler Mastek tomie
(= operative Entfernung der weiblichen Brus t mit
Ausräumung der Achselhöhle) auf,
bedingt durch Pl exuskompression infolge einer Lymphabflußstörung. Der Arm ist
dabei unübersehbar stark ödematös aufgequollen.
Zur Förderung des Lymphabflusses
wird der Arm mittels einer Handschlinge an einem Gestell (Bettgalgen,
Infusionsständer) mehrere Tage permanent über die Horizontale angehoben. Zur
Unterstützung der abschwellenden Maßnahmen dient die Gabe eines milden
Diuretikums (= harntreibendes Mittel)
sowie regelmäßige manuelle Lymphdrainage.
Zusätzlich können interskalenäre
Blockaden des Pl exus
brach ialis durchgeführt werden. Nach Teilabschwellung
gelingt dann häufig auch die Implantation eines
axillären
Plexuskatheters, der
für weitere 10-14 Tage regelmäßig mehrmals täglich mit 10-15 ml Bupivacain
bedient wird (siehe unten). Mit den genannten Therapiemaßnahmen kann in fast
allen Fällen eine zufriedenstellende Schmerzsituation herbeigeführt werden.
8. Chronische
Schmerzen im Arm
nach Bestrahlung
(Plexusneurit is). Heftige Pl exusschmerzen mit neurologischen Defiziten
(= Zeichen einer Ner venstörung,
-schädigung) können auch Folge einer
Röntgenbestrahlung der supraklavikulären
(= oberhalb des Schlüsselbeins)
oder Achselhöhlenregion bei Brustkrebs sein.
In der Regel ist das subkutane
Gewebe derb fibrosiert (Strahlenfibrose)
(= Verhärtung des Hautuntergewebes).
Hinzu kann eine Lymphschwellung des Armes treten. Bei fehlender oder gering
ausgeprägter Fibrosierung muß eine Pl exuskarzinomatose
(= Durchsetzung des Armnervengeflechts mit
Tochtergeschwülsten) in Betracht
gezogen werden.
Die Behandlung ist sehr schwierig. Bei strahlenbedingten
krankhaften Hautveränderungen ist das Entzündungsrisiko bei Durchführung von
Ner venblockaden stark erhöht. Peripher wirkende Analgetika
(= Schmerzmittel die überwiegend nur im Schmerzbereich wirken)
sind meist ungenügend wirksam.
Nach Thoden (1987) bleiben nur die
epidurale (= rückenmarknahe)
elektrische Rückenmarksreizung oder die hochzervikale Chordotomie
(= operative Durchtrennung der Schmerzbahn im
oberen Rückenmark).
9. Epicondyl itis radial is humer i. Bei
dieser relativ häufigen Erkrankung klagen die Patienten über Schmerzen im
Bereich des Epicondylus radial is humer i (= über dem Ellen bogen außen),
die sich bei Faustschluß und kräftiger Dorsalextension
(= Beugung in Richtung Handrücken)
im Handgelen k verstärken.
Nicht selten strahlen die Schmerzen in Unter- und/oder Obe r-Arm aus, so daß dann der ganze Arm schmerzt. Regelmäßig besteht ein
deutlicher Druckschmerz im Bereich des ellenbogennahen äußeren Unterarmes.
Die
Ursache des chronischen Entzündungszustandes im Bereich der Se hnenansätze am
Epicondylus radial is humer i ist nicht geklärt; vieles spricht für eine
mechanische Auslösung (Ten nisarm,
Ten nisellenbogen).
Therapeutisch kann ein Versuch mit Infiltrationen mit einem
örtlichen
Betäubungsmittel, auch mit Kortikoidzusatz, unternommen werden. Dabei muß
allerdings ein Kontakt der Kanülenspitze mit der Knochenhaut unbedingt vermieden
werden, da damit häufig heftigste, anhaltende Schmerzreaktionen ausgelöst werden
können.
Nicht selten hilft nur eine längerfristige
kontinuierliche
Pl exus
brach ialis-Blockade
mit Katheter (siehe unten).
Auch eine Behandlung mit
Röntgenstrahlen kann schmerzlindernd sein (Thomalske 1991). Manchmal ist
auch eine deutliche Besserung durch die Iontophorese
(= Einbringung eines Arzneimittels durch die Haut
mit Hilfe von Gleichstrom) (z.B. mit
Diclofenac) zu erzielen.
Die Behandlungsmaßnahmen eignen sich in gleicher Weise
für die seltenere Epicondyl itis ul naris humer i (Golferel lenbogen, Gol fer-Arm)
(= Schmerzen an der Innenseite des Ellenbogens).
10. Zu erwähnen wäre noch das Karpaltunnel-Synd rom, das manchmal auch in den ganzen Arm einstrahlen kann.
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